Die Vorgeschichte
Diesen Gedanke möchte ich als erstes auf den Weg bringen, da er mich auch auf die eigentliche Idee gebracht hat, Leitgedanken zur mentalen Orientierung zu entwicklen. Ich kann mich noch gut an meine damalige berufliche Situation erinnern. Als Oberarzt in einer Psychiatrischen Universitätsklinik war ich vorübergehend für drei Aufnahmestationen zuständig. Das heißt jeden neuen Patienten befragen, jeden Tag Visite machen, Teamgespräche führen, Konferenzen abhalten, etc. An einem Tag hatte ich nun gerade eine Visite beendet, war eigentlich schon zu spät für die nächste Visite und ich mußte dringend zur Toilette. Nun war ich im Treppenhaus, hastete nach oben zur nächsten Station und stoppte plötzlich. Es kann nicht sein, dass ich noch zwei Stunden Visite machen müsste und mich erst dann erleichtern könnte. Also beschloss ich, um überhaupt offen für andere zu sein, muss ich grundlegende Bedürfnisse von mir akzeptieren. So bin ich erst zur Toilette gegangen, danach zu Visite und abends habe ich mir diesen Gedanken aufgeschrieben.
Die Neurobiologie korrigiert uns
Wenn wir hungrig, übermüdet oder chronisch gestresst sind, verändert sich die Architektur unseres Denkens. Wir werden defensiv, ängstlich und unflexibel. Wir glauben gerne, wir seien die Kapitäne unserer Entscheidungen. Doch lehrt uns die Neurobiologie etwas anderes:
Erich Fromm beschrieb dies als Gefahr der Entfremdung. Wer seine Biologie ignoriert – wer Schlaf durch Koffein und Adrenalin ersetzt – lebt im „Haben-Modus“. Er behandelt sich selbst als Gebrauchsgegenstand und verliert die Verbindung zur eigenen Intuition.
Das “hinreichend gute” Fundament
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach vom „hinreichend guten Umfeld“ für die Entwicklung des wahren Selbst. Als Erwachsene müssen wir uns dieses Umfeld selbst schaffen. Das beginnt bei der Akzeptanz biologischer Grenzen. Wenn ich Patienten in Krisen berate, frage ich daher oft auch nach Schlaf, Bewegung und Ernährung, bevor wir das Problem umfassend angehen.
Biologische Souveränität im Alltag
Biologische Vorfahrt zu gewähren, ist kein Akt der Schwäche, sondern der Souveränität:
- Der Körper-Check-in: Frage dich vor wichtigen Gesprächen: Bin ich „biologisch bereit“? Hunger oder Schlafmangel, Bewegungsmangel senken die Leistungsfähigkeit massiv.
- Rhythmus statt Peitsche: Unser Gehirn arbeitet in Zyklen. Wer Pausen als Zeitverschwendung ansieht, sabotiert die Qualität seiner Ergebnisse.
- Demut vor der Natur: Die Missachtung unserer Biologie führt zwangsläufig in die Erschöpfung – ein Zustand, in dem keine echte Fortschritte mehr möglich sind.
Bedeutung
Unser Körper ist die Grundlage all unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Wer seine elementaren Bedürfnisse ignoriert, verliert Klarheit, Belastbarkeit und oft auch die Offenheit für die Belange anderer.
Anwendung
Achte zuerst auf Schlaf, Ernährung, Bewegung, Entspannung – bevor du Höchstleistungen von dir verlangst. Es ist kein Egoismus, sondern Voraussetzung für Verantwortlichkeit.
Beispiele
- Du führst ein schwieriges Gespräch besser, wenn du ausgeruht bist.
- Hunger und Unterzuckerung machen reizbar und unkonzentriert.
- An Tagen mit Kopfschmerzen sinkt deine Leistungsfähigkeit deutlich.
- Nach einer Pause mit frischer Luft erscheinen Probleme bearbeitbarer.
- Wer chronische Schmerzen ignoriert, gefährdet seine seelische Stabilität.
Fazit
Dein Körper ist wie dein eigenes Haus. Sorge dafür, dass dein „Haus“ bewohnbar ist. Erst auf einem stabilen biologischen Fundament aufbauend, können wir unsere eigene Zukunftspfade sicher gehen.
Etwas provokativ gefragt: Welches biologische Signale ignorierst du am häufigsten. Schreibe mir gerne in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch!

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