Bevor du die Schuldfrage externalisierst, arbeite deine eigenen Anteile heraus

Es ist einer der schnellsten Abwehrmechanismen unserer Psyche: Wenn ein Projekt scheitert oder die Stimmung im Team kippt, suchen wir den Fehler im Außen. Die „anderen“ sind schuld. Das schützt kurzfristig unser Ego – aber es macht uns langfristig machtlos.

In meiner Laufbahn, insbesondere mit steigender beruflicher Verantwortung, musste ich feststellen, dass Sympathie oder Antipathie gegenüber Kolleginnen und Kollegen eine Entscheidungssituation oft eher erschweren. Dieser Leitsatz aus meinem Buch „Vom Leben lernen“ ist daher keine Aufforderung zur Selbstbeschuldigung, sondern ein Werkzeug zur Rückgewinnung Ihrer Handlungsfreiheit.

Die Tiefe der Schattenarbeit nach C.G. Jung

Vieles, was uns an anderen massiv stört, hat oft mit ungeliebten oder verdrängten Anteilen in uns selbst zu tun. C.G. Jung prägte hierfür den Begriff des Schattens. Wenn wir unsere eigenen Anteile nicht kennen, neigen wir zur Projektion: Wir „werfen“ unsere eigenen unbewussten Impulse auf unsere Mitmenschen.

Der Konflikt im Außen ist dann lediglich ein Echo unserer inneren Unordnung. Schattenarbeit bedeutet, diese Projektionen als Spiegel zu begreifen, sie zu erkennen und zu integrieren. Nur wer seinen eigenen Schatten kennt, kann verhindern, dass dieser unkontrolliert die Dynamik in einem Team oder einer Partnerschaft vergiftet.

Die soziale Aufgabe nach Alfred Adler

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, sah im Erkennen des eigenen Beitrags das Heilmittel gegen soziale Isolation. Er ging davon aus, dass fast jede Konfliktsituation einen eigenen Beitrag enthält – sei er bewusst oder unbewusst.

Oft entspringt der Drang, anderen die Schuld zu geben, einem tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühl. Indem wir die Verantwortung externalisieren, versuchen wir, eine vermeintliche Überlegenheit zu wahren. Erst wenn wir unseren Anteil an einer Situation verstehen, können wir dieses Gefühl überwinden und wieder konstruktiv und aktiv am sozialen Gefüge teilnehmen. Persönlichkeitsentwicklung beginnt dort, wo wir aufhören, nur die Fehler der anderen zu zählen.

Die systemische Sicht: Zirkularität statt linearer Schuld

Theoretisch lässt sich dies durch das Prinzip der Zirkularität ergänzen: In sozialen Systemen gibt es selten eine einfache Ursache-Wirkungs-Kette (A ist schuld an B). Vielmehr beeinflussen sich alle Beteiligten wechselseitig. Mein Schweigen kann die Aggression des anderen provozieren; seine Aggression verstärkt mein Schweigen. Wer seinen eigenen Anteil herausarbeitet, unterbricht diesen Teufelskreis und wird vom Reagierenden zum Gestalter.

Der Transfer in den Alltag

Eigene Anteile herauszuarbeiten bedeutet Macht durch Selbsterkenntnis:

  • Vom „Warum er?“ zum „Was ich?“: Frage dich: Welchen Raum habe ich durch mein Handeln, meine Erwartung oder mein Schweigen für diese Situation geschaffen?
  • Muster erkennen: Wenn sich Konflikte wiederholen (z. B. in der Partnerschaft oder im Team), ist das oft ein Zeichen für einen konstanten eigenen Anteil.
  • Radikale Ehrlichkeit: Nur wer seinen Beitrag kennt, kann die Richtung ändern. Diese innere Arbeit muss man selber leisten – aber sie macht innerlich frei und glaubwürdiger.

 Fazit

Die Arbeit an den eigenen Anteilen ist das wirksamste Antidot gegen Stagnation. Nutze  die Kraft der Selbstreflexion. Es wird nicht nur dich verändern. Deine Umgebung wird wahrnehmen, dass es dir, bei problematischen Ergebnissen nicht um die Schuldzuweisung geht, sondern um das echte Verständnis der Prozesse. Das schafft eine Kultur des Vertrauens und der gemeinsamen Entwicklung.


Impuls: In welchen Situationen fällt es dir schwer anderen nicht die Schuld zu geben?

Schreibe  mir deine Gedanken in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch auf diesem gemeinsamen Spiegelpfad!

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