Meine Probleme sind meine Probleme

Seit einigen Wochen stelle ich auf verschiedenen Kanälen Leitgedanken aus meinem Buch „Vom Leben lernen“ vor. Von den insgesamt 177 formulierten Gedanken habe ich mich bisher auf den allgemeinen Bereich konzentriert. Nun möchte ich beginnen, die Themenschwerpunkte zu mischen, und starte mit einem zentralen Aspekt der persönlichen Entwicklung: der Selbstfindung.

Der Grundsatz „Meine Probleme sind meine Probleme“ klingt zunächst simpel, fast trivial. Doch in der therapeutischen Praxis erweist er sich oft als eine der schwersten Hürden auf dem Weg zu einem reifen Selbst.

Die Bedeutung: Probleme als Zeichen von Lebendigkeit

Probleme sind ein untrennbarer Teil jedes menschlichen Lebens. Sie zu haben bedeutet keineswegs, versagt zu haben. Im Gegenteil: Probleme zu wälzen, Widerstände zu spüren und Konflikte auszufechten, ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Die eigentliche Gefahr für die psychische Gesundheit liegt nicht im Vorhandensein von Problemen, sondern in deren Externalisierung. Wer seine Schwierigkeiten permanent anderen Menschen, den Umständen oder dem „Schicksal“ zuschiebt, begibt sich in eine passive Opferrolle. Damit verliert er die wichtigste Ressource für Wachstum: die Selbstwirksamkeit.

Theoretische Vertiefung:

  • Das wahre Selbst vs. das idealisierte Selbst (Karen Horney): Die Psychoanalytikerin Karen Horney beschrieb eindrucksvoll, wie wir oft ein „idealisiertes Bild“ von uns selbst entwerfen – ein Bild von einer Person, die keine Fehler macht, keine Schwächen zeigt und keine Probleme hat. Wenn die Realität dieses Bild erschüttert, neigen wir zur Selbstverachtung oder schieben die Schuld nach außen. Echte Selbstfindung bedeutet nach Horney, dieses falsche Ideal aufzugeben und das „reale Selbst“ anzunehmen. Dazu gehört die schmerzhafte, aber befreiende Einsicht: „Ja, das ist mein Problem, und es gehört zu mir.“
  • Die Zielgerichtetheit des Handelns (Alfred Adler): Alfred Adler betonte, dass wir Probleme oft unbewusst „nutzen“, um bestimmten Anforderungen des Lebens auszuweichen. Wenn wir ein Problem nicht als unser eigenes anerkennen, entziehen wir uns der sozialen Verantwortung. Die Annahme des Problems ist bei Adler der notwendige Akt, um aus der Isolation wieder in die Gemeinschaft und das produktive Handeln zu finden.

Die Anwendung: Verantwortung ohne Selbstverurteilung

Die Aufforderung, seine Probleme anzunehmen, ist kein Plädoyer für Selbstbeschuldigung. Es geht um eine sachliche Bestandsaufnahme:

  1. Verschaffe dir einen Überblick: Sortiere die Schwierigkeiten, ohne dich von der schieren Menge erdrücken zu lassen.
  2. Das Prinzip des geringsten Widerstands: Wenn du zögerst, aktiv zu werden, beginne dort, wo die Hürde am niedrigsten ist. Der erste kleine Erfolg bricht die Lähmung.
  3. Schrittweise Verantwortung: Du musst nicht das gesamte Lebenskonstrukt auf einmal sanieren. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, den nächsten greifbaren Schritt zu tun.

Beispiele aus der Praxis

  • Im beruflichen Kontext: Du hast im Job einen Fehler gemacht. Anstatt darauf zu hoffen, dass er unbemerkt bleibt, kommunizierst du ihn offen im Team. Damit nimmst du das Problem in deine Hand und verhinderst, dass es später unkontrolliert auf dich zurückfällt.
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen: Du spürst Spannungen mit einer Freundin oder einem Partner. Anstatt den Kontakt passiv einschlafen zu lassen, sprichst du das Thema aktiv an. Du übernimmst deinen Anteil an der Beziehungsgestaltung.
  • Bei persönlicher Überforderung: Du fühlst dich von einer Aufgabe erschlagen. Du entscheidest dich, dich dennoch hinzusetzen und zumindest zehn Minuten konzentriert daran zu arbeiten. Damit besiegst du den inneren Widerstand durch Handeln.
  • Gegen die Klagemauer: Wenn du dich dabei ertappst, dich über deine Situation nur noch zu beklagen, hältst du inne. Du entscheidest dich bewusst, die Energie des Klagens in die Planung eines konkreten nächsten Schrittes umzulenken.

Fazit

Echte Selbstfindung und Reife zeigen sich in der Fähigkeit, die eigenen Probleme nicht als lästige Fremdkörper zu betrachten, sondern als Aufgaben, die untrennbar mit der eigenen Identität verbunden sind. Wer seine Probleme als „seine“ annimmt, gewinnt die Macht zurück, sein Leben aktiv zu gestalten. Erst auf diesem stabilen Fundament der Ehrlichkeit kann die Reise auf dem Spiegelpfad gelingen.

Impuls für dich: Welches Thema in deinem Leben behandelst du momentan noch wie einen „Fremdkörper“, für den andere verantwortlich sind? Was würde sich ändern, wenn du heute sagst: „Das ist mein Problem – und ich fange jetzt an, es zu lösen“?

Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.

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